Ulf. Mehr oder minder täglich Privatkram.

Archiv.

31. Mai 2009

Tote in der Nacht

Kategorie: Erlebtes

Die vergangene Nacht war ruhig. Ein paar PatientInnen zwischen Aufnahme, Röntgen und Stationen hin- und herschieben, Blutproben zum Labor schaffen und Blutkonserven zur Intensivstation- Springerdienst ist entspannt. Wenig Verantwortung, nur eben auf Abruf Transporte und für einige Stationen die Pausenablösung. In der Tasche steckt das Telephon, und wer Hilfe braucht, ruft an, denn die Nachtwache ist allein auf der Station und kann dort nicht fort.

Um dreiundzwanzig Uhr hatte ich dann wieder mal eine Leiche.

Nein, damit habe ich kein Problem, ich habe schon unzählige Sterbebegleitungen gemacht und noch mehr Menschen in die Prosektur geschoben. Ich kenne die PatientInnen und ihre Lebens- und Leidensgeschichte, ihre Angehörigen und so weiter. Und der Transport hinunter ist, wie auch das Zurechtmachen eines Verstorbenen, für mich ein Teil des Abschiedsrituals, ein Abschluß, mein letzter Dienst, den ich ihm oder ihr erweisen kann.

Doch manchmal, wenn ich den Toten nicht kenne, ist das seltsam. So ganz ohne Hintergrund... Ich kenne den Namen von dem Aufkleber, der später am Fuß befestigt werden muß. Und das Geburtsdatum.

1918- was würde die Dame alles erzählen können aus einundneunzig Lebensjahren mit Freud und Leid, Höhen und Tiefen... Doch sie spricht nicht mehr zu mir. Gegen Mittag war sie schon gestorben, weshalb ich sie erst so spät abholen sollte weiß ich nicht. Vielleicht kamen Angehörige von weiter her...

Sie war schon mächtig steif. Die Totenstarre hatte bereits den ganzen Körper erfaßt. Beim Umbetten auf die Zinkwanne erleichtert das die Arbeit sehr. Aber vor allem schlabbert (Entschuldigung...) nichts mehr, der Kopf und die Arme vor allem liegen fest am Körper, der Mund bleibt geschlossen, es sieht irgendwie weniger unwürdig aus.

Unter ihr liegt eine beschichtete Papierunterlage, unter dem Kopf ist eine unschön wirkende Stütze. Ich klebe ihr den Aufkleber an den Fuß, decke sie mit dem Laken zu und schiebe sie in die Kühlzelle. Ich schreibe ihren Namen und ihr Geburtsdatum auf eine kleine Tafel daran, schalte die Kühlung ein und gehe wieder.

Ein langes Leben ist zuende. Und ich weiß nichts darüber.

[ 02 Uhr 54 ] - [ 8 Kommentare ]

26. Mai 2009

Die Schwarze Lady

Kategorie: Psycho?!?

So nenne ich meine Krankheit, die Depression: Die Schwarze Lady. Das klingt vielleicht etwas albern, doch indem ich sie personifiziere, ihr gleichsam eine Gestalt gebe, wird sie von einem amorphen, gewaltigen Schreckgespenst zu einer konkret erfaßbaren Bedrohung, mit der ich so besser umgehen kann.

Sie begleitet mich immer, doch meist merke ich nicht viel von ihr, meist hält sie Abstand. Manchmal spüre ich sie etwas mehr, das ist jedoch zumeist nicht so wild. Doch alle paar Wochen nimmt sie mich für zwei, drei Tage in den Würgegriff, und es geht mir dann richtig schlecht. Aber nicht so schlecht wie früher, ich bleibe handlungsfähig. Weniger schlimm. Und dann zeigt sich der PERSON Schwarze Lady- mit ihr kann man etwas machen. Unerfreuliche Dinge. Zum Beispiel in meinem Depressionsforum, in welchem sie dann von meinen dortigen Freunden gemeinsam mit Voodoozaubern verhext, verdroschen und gestern (sie hatte mich die letzten Tage mal wieder an der Gurgel) sogar mit einbetonierten Füßen in einem Gewässer voller Piranhas versenkt wird.

Klingt doof.
Funktioniert aber erstaunlich gut. Dieses mal.

Die schwarze Lady

[ 15 Uhr 26 ] - [ 2 Kommentare ]

18. Mai 2009

Kritik des nackten Wahnsinns: Kap. 5: Die Psychologie des Zombies

Kategorie: Literarisch

Zombies sind die wohl unverstandendsten Kreaturen der Gesellschaft.
Und sie werden ausgegrenzt. Doch haben sie das überhaupt verdient?

Ein Zombie ist ein Untoter, quasi eine lebende Leiche, die sich anscheinend ausschließlich darüber fortpflanzt, indem er einen "normalen" Menschen beißt,
Den Rest lesen ]

[ 05 Uhr 20 ] - [ 7 Kommentare ]

14. Mai 2009

Geisteskrank und Spaß dabei II

Kategorie: Psycho?!?

Als ich das erste Mal in der Psychiatrie aufschlug, landete ich zunächst auf der Aufnahmestation. Noch in der Nacht stellte die diensthabende Ärztin schnell die Verdachtsdiagnose "Depression". Am nächsten Tag stieß die Oberärztin in dasselbe Horn und sagte, sie wolle mich bei nächster Gelegenheit auf die Depressionsstation verlegen.

Toll. Zu lauter Leuten, die genauso rumsumpfen wie ich. Dachte ich jedenfalls.

Tatsächlich ging es dort beim Abendessen wesentlich ruhiger und gesitteter zu. Aber ich stellte bald fest: Es wurde gescherzt und gelacht. Meist Galgenhumor: "DeprIKEA- lebst Du noch oder hängst Du schon?"
Mein Standardspruch "Hier wird nicht gelacht! Schließlich sind wir depressiv!" hielt sich, wie ich später erfuhr, noch Monate nach meiner Entlassung. Zwar ist das Lachen dort ein anderes. Ein immer noch depressives Lachen. Aber immerhin ein Lachen.

Bald bildete sich um mich auch eine Gruppe, die mit mir unglaubliche Massen schweineleckerer Schokoladenkekse produzierte. Diese Backaktionen nannten wir "Kekstherapie".
Und wir lachten auch über uns und unsere Krankheit. Und über die "Gesunden", die einen verletzten mit Sprüchen wie &Reiß Dich einfach mal zusammen!" oder "Wird schon wieder!" und schlimmerem. Die eigentlich kränker sind als wir, da ihnen das völlig fehlt, was wir zuviel haben: Empathie.

Aber auch wenn wir dort lachten: Depressiv waren wir immer noch.

[ 05 Uhr 47 ] - [ 6 Kommentare ]

09. Mai 2009

Ich hatte Angst.

Kategorie: Psycho?!?

Als ich irgendwann das erste Mal wegen meiner Depression in der Psychiatrie landete, weil nichts mehr ging, gar nichts, wurde eine Angst in mir übermächtig.
Wie würde es mit mir und meiner Arbeit weitergehen?
Für die Erlaubnis, als Krankenpfleger zu arbeiten, muß man geeignet sein, und zwar physisch und psychisch.
Nun war ich also offiziell psychisch krank. Würde ich wieder in meinen Beruf zurückkehren dürfen, den ich so liebe? Das zog mich NOCH weiter herunter. Die Ärztin beruhigte mich: Zuerst einmal ginge es um MICH. Und um mein Überleben. Und um die Wiedererlangung meiner seelischen Gesundheit. Außerdem sei ich nicht der einzige, der trotz Depression und Medikamenten und stationärer Therapie dennoch diesen Beruf ausübe.

Tatsache- ich übe ihn wieder aus.

[ 05 Uhr 31 ] - [ 2 Kommentare ]