Ulf. Mehr oder minder täglich Privatkram.

Überbackener, angebrannter und gleichzeitig verfaulender Rosenkohl

Kategorie: Held der Arbeit

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1998
Das linke Bein war amputiert. Der Neunundzwanzigjährige hatte dort einen sehr seltenen, aber umso bösartigen Tumor gehabt. Ein Teil der Hüfte war auch mit draufgegangen, aber mit dem deshalb angelegten künstlichen Darmausgang und der Beinprothese war er bislang gut zurecht gekommen, hatte das Studium wieder aufgenommen und nebenher an der Kinokasse Geld dazuverdient.

Jedoch brach nun, als er wegen einer kleineren Darmgeschichte bei uns lag, wieder etwas Tumor durch. Es roch etwas, uns seinen Eltern wurde klar, daß es nun wirklich ernst wurde. Er selber ignorierte die stinkende Stelle vollkommen, bis zuletzt.

Der Vater war total verschlossen, mauerte, blockte ab. Die Mutter machte und tat.

Zunächst war der Durchbruch nur ein kleines Problem, außer, daß es dort gelegentlich aus kleinen Arterien herausspritzte. Wir waren gut versorgt mit speziellen, sehr teuren Kompressen, die die Blutung erstmal stoppten.

Doch das Ding wuchs. Und roch unbeschreiblich. Ich habe seitdem nie wieder so etwas gerochen, und ich rieche sehr vieles, was schlimmer als alles an Gestank ist, was ihr jemals gerochen habt. Verwesung ist NICHTS dagegen. NICHTS. Es war unglaublich. Selbst gestandene Krankenschwestern mit zwanzig Jahren Berufserfahrung gingen in die Knie.
Es sah aus wie überbackener, angebrannter und gleichzeitig verfaulender Rosenkohl. Und für den Geruch fehlen einfach die Worte. Selbst im Dienstzimmer konnte man das noch riechen, auf eine recht weite Entfernung und durch zwei geschlossene Türen hindurch.

Schließlich nahm die Erscheinung die Größe von 1 1/2 Din-A-4-Blättern ein. Von einer Seite auf die andere, und irgendwann kam dort, statt aus dem künstlichen Darmausgang, Stuhlgang heraus.

Er war jung.
Es dauerte sehr lange.
Als er bei mir verstarb, hatte ich große Mühe, die Eltern zu betreuen. Insbesondere den Vater, aus dem nun alles herausbrach. Ich überlegte, für ihn den Dienstarzt zu holen.

Ich machte ihn zurecht, während die Eltern draußen warteten und die Schwester eintraf. Um den unglaublichen Gestank ETWAS zu reduzieres, goß ich einen halben Liter Jod auf dieses Etwas und wickelte eine dicke Schicht Inkontinenzvorlagen und Plastikfolie drum. Was allerdings nur wenig half.

Er kam nicht in die Prosektur. Der Bestatter holte ihn direkt von der Station ab. Auf einer Trage mit einer art Leichensack samt Reißverschluß.

Verzapft am 05. Februar 2009, so um 06 Uhr 00

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Kommentare

Was sagt Dirk dazu?

05. Februar 2009 um 08 Uhr 53 (Permalink)

Vor wenigen Minuten verspürte ich ein kleines Hungergefühl, das ich ausnahmsweise mal mit Bäckerware befriedigen wollte. Ich frühstücke äußerst selten. Nach Deinem Bericht hast Du mir rund 3 Euro erspart. Dankeschön. smile Ich freue mich schon auf das Mittagessen.

P.S. Ich kann mir das gar nicht so richtig vorstellen. Einerseits wünschte ich, es gäbe davon ein Foto, aber andererseits bin ich froh, dass es keines gibt.

Was sagt Ulf, der Größte, dazu?

Kommentar vom Scheff hier am 05. Februar 2009 um 09 Uhr 20 (Permalink)

Es war so schlimm, daß sogar gestandene Krankenschwestern ohnmächtig wurden.

Was sagt nebelkrähe dazu?

11. Februar 2009 um 09 Uhr 56 (Permalink)

respekt!
respekt vor deiner arbeit und deinem einsatz für die kranken und deren angehörige!
ich weiss wie leiche riecht........und mag mir das hier gar nicht recht vorstellen.
aber ich werde gewiss daran denken, wenn ich das nächste mal rosenkohl zubereite.......
die krähe

Was sagt Ulf, der Größte, dazu?

Kommentar vom Scheff hier am 11. Februar 2009 um 10 Uhr 36 (Permalink)

Ich hoffe, es schmälert den Genuß nicht.

Rosenkohl schmeckt übrigens ausgezeichnet zusammen mit Eßkastanien.

Eigenen Senf dazugeben?

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