Ulf. Mehr oder minder täglich Privatkram.

Tote in der Nacht

Kategorie: Erlebtes

Die vergangene Nacht war ruhig. Ein paar PatientInnen zwischen Aufnahme, Röntgen und Stationen hin- und herschieben, Blutproben zum Labor schaffen und Blutkonserven zur Intensivstation- Springerdienst ist entspannt. Wenig Verantwortung, nur eben auf Abruf Transporte und für einige Stationen die Pausenablösung. In der Tasche steckt das Telephon, und wer Hilfe braucht, ruft an, denn die Nachtwache ist allein auf der Station und kann dort nicht fort.

Um dreiundzwanzig Uhr hatte ich dann wieder mal eine Leiche.

Nein, damit habe ich kein Problem, ich habe schon unzählige Sterbebegleitungen gemacht und noch mehr Menschen in die Prosektur geschoben. Ich kenne die PatientInnen und ihre Lebens- und Leidensgeschichte, ihre Angehörigen und so weiter. Und der Transport hinunter ist, wie auch das Zurechtmachen eines Verstorbenen, für mich ein Teil des Abschiedsrituals, ein Abschluß, mein letzter Dienst, den ich ihm oder ihr erweisen kann.

Doch manchmal, wenn ich den Toten nicht kenne, ist das seltsam. So ganz ohne Hintergrund... Ich kenne den Namen von dem Aufkleber, der später am Fuß befestigt werden muß. Und das Geburtsdatum.

1918- was würde die Dame alles erzählen können aus einundneunzig Lebensjahren mit Freud und Leid, Höhen und Tiefen... Doch sie spricht nicht mehr zu mir. Gegen Mittag war sie schon gestorben, weshalb ich sie erst so spät abholen sollte weiß ich nicht. Vielleicht kamen Angehörige von weiter her...

Sie war schon mächtig steif. Die Totenstarre hatte bereits den ganzen Körper erfaßt. Beim Umbetten auf die Zinkwanne erleichtert das die Arbeit sehr. Aber vor allem schlabbert (Entschuldigung...) nichts mehr, der Kopf und die Arme vor allem liegen fest am Körper, der Mund bleibt geschlossen, es sieht irgendwie weniger unwürdig aus.

Unter ihr liegt eine beschichtete Papierunterlage, unter dem Kopf ist eine unschön wirkende Stütze. Ich klebe ihr den Aufkleber an den Fuß, decke sie mit dem Laken zu und schiebe sie in die Kühlzelle. Ich schreibe ihren Namen und ihr Geburtsdatum auf eine kleine Tafel daran, schalte die Kühlung ein und gehe wieder.

Ein langes Leben ist zuende. Und ich weiß nichts darüber.

Verzapft am 31. Mai 2009, so um 02 Uhr 54

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Kommentare

Was sagt psychoMUELL dazu?

31. Mai 2009 um 07 Uhr 58 (Permalink)

für deinen Umgang mit dem Tod, findest du immer die passenden (schönen) Worte!
So ein Artikel, liest sich trotz des Endes, sehr schön!

Was sagt Krokofantilein dazu?

31. Mai 2009 um 10 Uhr 40 (Permalink)

wunderschöne, und einfühlsame Worte...
:umarm: *mehr kann ich nicht schreiben, dazu, denn Deine Worte berühren mich, und das auf eine positive art und weise...*
danke Dir, dafür :bussi:

Was sagt Big Al dazu?

31. Mai 2009 um 20 Uhr 54 (Permalink)

Schön einfühlsam und trotzdem mit dem notwendigen Respekt vor den Verstorbenen geschrieben. Bin via Undertaker Tom hier gelandet. Weiter so.
Lechthaler

Was sagt Ly dazu?

01. Juni 2009 um 01 Uhr 06 (Permalink)

ja. das kann ich begreifen, nichts zu wissen muss merkwürdig leer sein.

*off topic*
wieder grüner bereich. danke fürs schreiben können an dich.
*off topic ende*

liebe grüße

Was sagt Pharmama dazu?

01. Juni 2009 um 13 Uhr 54 (Permalink)

Ich dachte früher immer ich könnte Tote nicht ansehen, aber jetzt, nachdem ich etwas älter bin und ich einige Verwandte an ihn "verloren" habe, finde ich es nicht so schlimm. Irgendwie sehen Tote Menschen ... naja, sehr tot aus. Das, was sie leben liess, was sie zu dem machte, was sie zu Lebzeiten waren ist nicht mehr da. Und weil ich glaube, dass sich das nicht einfach in Luft auflöst (Physik: Nichts geht verloren, alles ändert nur die Form) ist das ein gar nicht so schlimmer Anblick.
Dennoch hat der Körper natürlich Respekt verdient .. und es ist schön zu lesen, dass Du ihm den auch zollst.

Was sagt Chaos dazu?

03. Juni 2009 um 13 Uhr 00 (Permalink)

Schön geschrieben. Vielleicht ist es sogar besser manches Mal nichts oder wenig zu wissen, denn sonst bindet man sich doch emotional an die Person und ihr Leben oder ihre Vergangenheit, so fällt der Abschied schwerer.

Was sagt Patrick dazu?

03. Juni 2009 um 21 Uhr 44 (Permalink)

Mir gehts da immer ähnlich, in eienr gewissen Weise freut es mich auch dass ich für den Verstorbenen nochmal etwas tun kann. Mir war bisher noch nie mulmig oder komisch zumute.
Und im übrigen kenn ich das Problem wenn die Verstorbenen noch nicht vollkommen starr sind, das erschwert das Umlagern erheblich, vor allem wenn man alleine mit ihr/ihm und einer Skoliose im Kreuz ist.
In diesem Sinne, sehr schön geschrieben smile

Was sagt kunstgriff dazu?

03. Juni 2009 um 22 Uhr 52 (Permalink)

So, wie du das schreibst, ist der Tod das, was er sein sollte: Ein Teil des Lebens, der finale Abschnitt. Persönlich habe ich die Erfahrung gemacht, dass mir die Versorgung leichter fällt, wenn ich den verstorbenen Menschen kannte und etwas von ihm wusste. Was mir immer wieder auffällt, ist die seltsame Stimmung, wenn man mit einer Leiche alleine im Fahrstuhl steht.
Und, ja, die Leichenstarre erleichtert die Umlagerung ungemein.

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