Ulf. Mehr oder minder täglich Privatkram.

Die Glatze

Kategorie: Erlebtes

In meiner Funktion als Pflegekraft haben alle für mich gleich zu sein. Auch wenn das manchmal schwierig ist.

Den mageren und kahlköpfigen jungen Mann hatte ich schon während der letzten Tage auf meiner anderen Station gesehen, wenn er zum Rauchen ging. Ich hielt ihn für einen Krebspatienten, jedenfalls sah er so aus. Dann wurde ich im Rahmen der Ausbildung auf seine Station versetzt.

Dort entpuppte er sich als Skinhead aus der Neonaziszene. Diverse verfassungsfeindliche Symbole zierten seinen Körper. Doch er trat mir seltsamerweise nicht wirklich haßerfüllt entgegen, im Gegenteil, er schien mich zu mögen. Auch wenn er zu mir immer sagte: "Ihr Pazifisten, Ihr seid doch immer die Verlierer! WIR werden siegen!" (Ich dachte mir nur: "Laber Du nur, ich müßte nur einmal an Deiner Drainage ziehen, dann zeigt sich, WER der Verlierer hier ist..."

Die Morgenpflege gestaltete sich bei ihm recht, äh, übersichtlich. Fast hätte ich ihn gerüffelt: "Ein Deutscher wäscht sich aber ordentlich!"
Die examinierte Kollegin berichtete mir, daß sie vor der Operation aus seinem Bauchnabel etwas herausgeholt hatte. Was das war, das wollt Ihr bestimmt nicht wissen.

Er brachte nach seiner Aussage auch vom Bau viel mehr Geld nach Hause als wir Plegekräfte. 3000 Mark netto!
Auf den Aufklebern steht immer die Versicherung. Hier: Stadtverwaltung Münster, Sozialamt. Hehehe.

Nun, er mochte mich wirklich, wenn er mir in der Stadt begegnete, grüßte er mich immer. Wie peinlich!

Naja, er war nur ein armes Würstchen. Doch Jahre später war die Situation schon schwieriger für mich. Ich hatte einen Zivi zur Hand, JöTo, und unter anderem einen 95jährigen und sehr unangenehmen Patienten, der wegen etlicher körperlicher Gebrechen sehr pflegebedürftig war. Wir waren bemüht, ein vernünfties Verhältnis zu ihm aufzubauen, was er jedoch immer wieder torpedierte. Er hackte auf JöTo herum, dem "Drückeberger".
Der fragte ihn dann, was er denn beim Kommiß gemacht habe. Er wäre nicht beim Kommiß gewesen, entgegnete der Patient. Wo denn? Dort hätten doch schließlich zu der Zeit fast alle hingemußt?

Mit stolzem Unterton: "Reichssicherheitshauptamt!"

Manchmal ist es unheimlich schwer, professionell zu bleiben.

Verzapft am 10. August 2009, so um 06 Uhr 37

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Kommentare

Was sagt Brutzler dazu?

10. August 2009 um 06 Uhr 54 (Permalink)

es waere fuer mich eh schon nicht leicht fremde menschen an den intimsten stellen zu waschen....dann noch eine nazi wurst..heftig

Was sagt Ulf, der Größte, dazu?

Kommentar vom Scheff hier am 10. August 2009 um 09 Uhr 37 (Permalink)

Der Neonazi ging noch. Aber der alte Knacker hatte immerhin in der Schaltzentrale des Terrors und der Judenvernichtung gewirkt und war offenbar auch noch stolz darauf...

Was sagt adrian1407 dazu?

10. August 2009 um 11 Uhr 53 (Permalink)

Tja hättest dir nen anderen job gesucht hättest die Probleme nicht...

Was sagt Ulf, der Größte, dazu?

Kommentar vom Scheff hier am 10. August 2009 um 15 Uhr 01 (Permalink)

@adrian, ehedem Meik: Ich liebe meinen Beruf nach wie vor.

Was sagt HerrPfleger dazu?

10. August 2009 um 16 Uhr 48 (Permalink)

Manchmal ist es echt schwer professionell zu bleiben - seien es nun rechtsradikale oder pädophile oder was sich sonst noch so alles im Krankenhaus rumtreibt...

Was sagt Ulf, der Größte, dazu?

Kommentar vom Scheff hier am 10. August 2009 um 17 Uhr 10 (Permalink)

Oh ja. Vor einiger Zeit hatten wir einen (ehemaligen) Priester, der seine Meßdiener.... wenigstens wurde der von der Kirche rausgeworfen und uch vor Gericht gestellt...

Was sagt JöTo dazu?

11. August 2009 um 16 Uhr 12 (Permalink)

Ich erinnere mich. Später wand ich mich an ihn nur noch mit stilistisch ausgefeiltesten Sätzen und überkandidelter Höflickeit. Woraufhin er meinte, ich hätte es "früher" weiter gebracht.

An dem Tag war mir schlecht.

Eigenen Senf dazugeben?

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