Ulf. Mehr oder minder täglich Privatkram.

Wien-Marathon, 25. Mai 2003 - 42 Kilometer mit verstauchtem Fuß.

Kategorie: Beweglich

Vorlauf


17. März 2003


Heute beginnt die "Heiße Phase", d.h. der zehnwöchige Trainingsplan. Soll ich die Vier-Stunden-Marke anpeilen, oder einfach versuchen, etwas schneller als in Münster 2002 zu sein? Auf jeden Fall mache ich nicht wieder den Fehler, zu flott loszulaufen und das nicht zu merken. Ich habe jetzt eine Pulsuhr mit codiertem Sender und besserer Start-Stop-Funktion als die Vorgängerin.



Anlauf


Tags zuvor


Samstag: besichtigen das Figarohaus, wo Mozart eine Weile gelebt und die dazugehörige Oper geschrieben hatte. Auf dem Weg dorthin muß ich einem Autofahrer in der schmalen Gasse ausweichen, wobei ich mit dem Fuß umknicke. Ich messe dem mangels stärkerer Beschwerden keine Bedeutung bei.


Starttag


Ulfs StartnummernschildSchlecht geschlafen, statt sechs vom wecker halb sechs von alleine erwacht. Duschen. Brustwarzen rasieren und abkleben, damit sie nicht blutig gescheuert werden. Frühstück halb sieben. Schlechter Appetit. Trinken, trinken, trinken, denn es wird warm werden.

Horden von Menschen in Laufklamotten und mit Zeitnahmechip am Fuß und Kleidersack in der Hand strömen Richtung U-Bahn, die U1 Richtung Kagran schließlich scheint nur noch Läufer zu transportieren. Wir alle haben Flaschen und trinken schluckweise.


Startbereich


Ulf, eingequetscht im StartblockSchon ziemlich warm für acht Uhr morgens. Bis zum Startschuß werden wir noch ordentlich geröstet werden. Aber Vöslauer steht schon da und verteilt Stilles Vöslauer Mineralwasser palettenweise unter uns.

Schwitzend im Startblock: Gedankenaustausch mit den Läufern der Umgebung. Ein Moderator oder so erzählt alles mögliche, ich verstehe kein Wort, aber hört überhaupt wer zu?
Ich bin guter Dinge, fühle mich superfit.
Punkt neun: Der Schuß aus der Leuchtpistole fällt, löst die Spannung und baut gleich eine ganz andere Spannung auf. die Leuchtkugel verschwindet rechts in der UNO-City. Langsam und stockend kommt ein Pulk von 25.000 Läufern in Bewegung, davon 10.500 Marathonis.

Durchlauf


KM 1


Der Boden vibriert. Ich muß mal. Gebüsch. 25.000 Paar Füße machen ein sonderbares Geräusch. Schon über 20 Grad. Das kann ja heiter werden.


KM 5


Erste "Tankstelle", kostet mich viel Zeit, da ich von stärkeren abgedrängt werde. Wird sich noch verteilen.

Warum aber Plastikbecher? Pappe läßt sich besser plattreten und verformen (damit man besser laufend trinken kann und nicht so viel verschüttet).


KM 6


Wenige Kilometer nach dem Start, die Läufer vor mirMama und Kirsten, wie verabredet. Langsam merke ich, daß mein linker Knöchel nicht perfekt ist. Ignoriere ich aber.
Super Stimmung bisher. Vorbei an einer Kneipe nit Regenbogenfahne und Dragqueens u.ä., an Bands und Blaskapellen. Auch einige Nonnen stehen da und halten die Hände zum Abklatschen hin.


Irgendwo zwischen KM 10 und 15



Ein Passant rennt quer über die Straße. Beim Ausweichen lande ich mit dem Fuß in einem Straßenbahngleis. Mit dem linken natürlich.


KM 15


"Marathon links, Fernwärme rechts!"- Die "Kurz"streckenläufer des "Fernwärmelaufs" über 15,8 Kilometer werden ausgefiltert.



Mein Fuß macht sich allmählich deutlicher bemerkbar.


KM 20


An der Donau. Ich merke, daß es eigentlich vernünftiger wäre, auszusteigen. Das Zeitziel kann ich ohnehin vergessen, schneller werde ich nicht mehr werden. Die Spendenaktion im Hinterkopf will ich aber wenigstens ankommen.
Nachdem die ersten schon nach dreißig Minuten von Sanitätern abtransportiert wurden, werden ab jetzt die Sirenen häufiger.



Im Prater


Im Prater werden richtig Kilometer gemacht: Straße rauf, auf der andern Seite runter, dazwischen Hütchen als Absperrung und Security, daß keiner die Gelegenheit ausnutzt, zu mogeln.
Im PraterGanz schlimm: Prater Hauptallee. Auf der anderen Straßenseite die Zwischenzeitkontrolle für Kilometer Dreißig. Super. dann sind wir ja.... und dann sehe ich das Schild auf meiner Seite: 26.
Mittlerweile will ich nicht mehr. Ich bin ein Pechvogel: gut im Futter, fit und dann der Fuß....
Wieder rennt mich fast ein Passant um. Hätte er mich getrroffen, ich wäre liegengeblieben und hätte mich abtransportieren lassen. Bis KM 41 dominiert der schmerzende Knöchel und mein Verlangen, einfach aufzuhören und mich versorgen zu lassen.

Am Rand: jede Menge Aussteiger. Bei km 36 ein schwaches Grinsen zu meinem Nachbarn: "Immerhin sind wir schon weiter als Dieter Baumann!" (der letztes Jahr in Hamburg bei 35 aufhörte)


KM 41


Langsam bin ich wieder motivierter. Den Rest schafft der Fuß auch noch, jetzt brauche ich auch nicht mehr aufhören...


KM 42


Noch 195 Meter: Nur noch um die Ecke, durchs Heldentor und über die Zielmatte. Dann massieren lassen und ab zu den Sanitätern....

Hinter dem Ziel: Medaille, "Glückwunsch!"
Ja, Glück habe ich gehabt. Aber keinen Verstand! Humpelnd suche ich mein persönliches Ziel: Versorgung. Find ich nicht. Doch ja da- alles voll. Denn nicht. erstmal setzen.



Auslauf


Ulf unterm BaumIch sitze auf einer Bank. Schuhe aus. Keine Blasen. Aber etwas dick geworden ist der Knöchel. Mein Mobiltelephon piept: meine Zeit kommt per SMS. 4:52:32. Geht ja, für die Umstände...
Pulsgurt lösen. Hat nur wenig gescheuert. Brustwarzen entpflastern. Meine Sportuhr sagt, ich hätte 3800 Kalorien verbraten.

Etwas verschnaufen. Ich spare mir die Versorgung. Ich hole meine Sachen, treffe mich mit meinem Anhang und dann ab dafür.
Ich verpasse meine Leute natürlich im Gewühl. Unter einem Baum liegend ruhe ich mich erst noch etwas aus und beobachte die Nachhut, die noch länger unterwegs war.


Vorbei


Ulfs mit Eisbeutel versorgter Knöchel
Sonnenbrand

Im Hotel: Duschen, danach baden, dann nochmal kalt abduschen. Ich lasse mich mit Schokolade versorgen. Dann macht einen Müllbeutel nehmen und mit den Eiswürfeln aus der Minibar einen Eisbeutel für meinen Fuß machen.

Wir gehen nachher noch essen und mit Mama ein Weinchen trinken, und auch morgen darf ich dann beim Frühstücksbuffet wieder alles essen, was ich will...


Nie wieder?


Nie wieder mit verstauchtem Fuß. Ich freue mich schon auf Berlin...

Verzapft am 06. August 2010, so um 07 Uhr 00

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Kommentare

Was sagt Ma Rode dazu?

06. August 2010 um 13 Uhr 28 (Permalink)

Mein Gott, Ulf, watt haste doch verhungert ausgesehen ...

Was sagt Ulf, der Größte, dazu?

Kommentar vom Scheff hier am 06. August 2010 um 16 Uhr 48 (Permalink)

Damals: 168cm, 64kg, alles in den Beinen.

Heute: 85kg, alles am Bauch. Aber 95kg hatte ich auch schon.

Eigenen Senf dazugeben?

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