Ulf. Mehr oder minder täglich Privatkram.

Ein geschrumpfter Weihnachtsmann.

Kategorie: Erlebtes

Er könnte auch bei "Schneewittchen" mitspielen.

Warum der Mittsiebziger im Obdachlosenasyl hausen muß, weiß ich nicht. Ich weiß ohnehin kaum etwas über ihn. Aber er tut mir irgendwie leid. Er hat das nicht verdient.

Er sieht aus wie ein Opa aussehen muß, eine Art eingeschrumpfter Weihnachtsmann. Ich könnte ihn mir besser im Ohrenbackensessel vorstellen oder im Schaukelstuhl wippend mit einer Tabakspfeife in der Schnute.

Zum Beginn der Nachtschicht kommt er immer zu mir und bittet mich mit quiekender Stimme um Schmerztropfen, denn er ist kurz vor der Einlieferung heftig gestürzt. Das Leben draußen hat ihm auch eine fette Lungenentzündung gebracht, aber das läßt sich therapieren. Bei uns hat er es gut, er hat es warm und relativ gemütlich. Er bekommt Hilfe, wenn er sie braucht, und Essen und Kaffee und freundliche Worte.

Wenn er wieder gesund ist, wenn er wieder in seine eigentliche Umgebung kommt, wird alles wieder beim alten sein, und der alte Mann wird regelmäßig wieder bei uns aufgenommen mit um die drei Promille.

Kein Schaukelstuhl. Kein Ohrenbackensessel. Keine Pfeife.
Nur Tristesse.

Verzapft am 26. September 2010, so um 17 Uhr 34

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Kommentare

Was sagt Claudia dazu?

26. September 2010 um 19 Uhr 38 (Permalink)

Solch ein Leben ist vielleicht nur einen winzigen Hauch von unserer normalen Welt entfernt, nur ein kleiner Riss zwischen den beiden Wirklichkeiten trennt sie. Eine Krankheit, eine Trennung, zuviel Stolz, um Hilfe zu bitten, Job verloren, kein Geld für die Miete mehr gehabt, die Freunde, die noch da waren, auch bald überfordert... Es kann schnell gehen, herauszufallen...

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