Ulf. Mehr oder minder täglich Privatkram.

Amsterdam. Blutig ohne Helm.

Kategorie: Erlebtes

Noch ehe ich das Geräusch hinter mir soweit verarbeitet hatte, daß ich mich umdrehte, teilte mit meine erblaßte Liebste mit, daß ich gebraucht würde. Über meine Schulter hinweg hatte sie mitangesehen, wie die unbehelmte Fahrerin eines Motorrollers mit einem formidablen Salto in voller Fahrt über den Lenker abgestiegen war und dies mit einer heftigen Bauchlandung abgeschlossen hatte.

Eigentlich hatten wir nur einen Kaffee auf dem Weg zum Rijksmuseum zu uns nehmen wollen. Ich war der erste an Ort und Stelle, hoffend, daß die geschätzt gut 55 Jahre alte Frau wenigstens noch lebe. Das tat sie zum Glück, aber zunächst atmete sie miserabel, trotz freigemachter Atemwege. Später wurde die Atmung etwas besser, war wohl der unsanfte Aufprall. Passenderweise kam zufällig gerade ein sehr netter Bulle auf einem Mopped um die Ecke, der Handschuhe dabei hatte, professionell sicherte und auch schon die Rettung verständigt hatte, ehe ich ihn darum bitten konnte.

Alsbald waren drölfzig Polizisten an anwesend, allein die Ambulanz schien Stunden zu brauchen. Ein Jogger erwies sich als Medizinstudent, zudem erschien schnell ein Mädel auf der Bildfläche, welches auch irgendwie Ahnung zu haben schien. Nur nutzte das erstmal nicht sehr viel- wir hatten ja nichts und konnten nur die Lage stabilisieren. Ich erbat von einem Ordnungshüter eine Taschenlampe, und der joggende Studi versuchte sich an der Pupillenreaktion. Ging aber nur so halb, denn ein Auge war zu sehr verhämatomt, erst hatte sie sogar aus den Augen bzw. den Tränenkanälen geblutet, Nase und Mund sowieso. Die rechte Oberlippe war gespalten, und überall hatte es Zahnbrösel. Die Nase hingegen war platt. Und zwar richtig platt, platter als bei einem Boxer. Aus den Ohren kam nichts.

Wirklich zu Bewußtsein kam sie vor Ort nicht, wurde aber etwas wacher, und irgendwie war da auch noch ein älterer Herr, der sie zu kennen schien, so daß wir einen Namen hatten, sie anzusprechen. Er sammelte Brille und Zähne ein, bis dann der Rettungsdienst eintraf. Das erwähnte Mädel zog ampullenweise Schmerzmittel auf, während wir auf der anderen Seite einen Zugang legten und oben der Stiffneck angelegt wurde. Ohne viele Worte. Seltsam reibungslos lief das ab, obwohl wir uns nicht wirklich verbal verständigen konnten.

Dann diese Trage für den Abtransport- völlig anders, als ich von Deutschland her kannte, doch verstand ich dann doch recht bald, welche Schnalle wohin mußte.

Dann gings ab ins Spital. Zurück blieben ein ziemlicher Blutfleck von etwa anderthalb Tassen halbgeronnenem Blut, eine zerschnittene Jacke, wir und verstörte Cafébesucher. Die Polizei dokumentierte, und die Presse, wie überall als erstes am Ort, ebenso.

Ich glaube, das ist noch mal gutgegangen, ich bin optimistisch. Aber mit Helm wäre das weniger dramatisch gewesen.

Verzapft am 19. Juni 2011, so um 19 Uhr 39

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Kommentare

Was sagt Paramantus dazu?

19. Juni 2011 um 22 Uhr 08 (Permalink)

Ich trage meinen Helm sogar beim Duschen.

Was sagt Stefan dazu?

19. Juni 2011 um 22 Uhr 09 (Permalink)

Gut gemacht Ulf. Zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Das soll noch mal die schwarze Lady sagen, Du wärst nicht zu gebrauchen...

Eigenen Senf dazugeben?

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