Ulf. Mehr oder minder täglich Privatkram.

Das Würstchen.

Kategorie: Erlebtes , Unterwegs

Cover von And Justice for AllIch habe mir vollkommen umsonst in die Hosen gemacht.

Vor einigen Wochen bekam ich förmlich zugestellt einen Brief vom Amtsgericht Kassel*1. Ich solle gefälligst am 20. Oktober um 10:30 Uhr als Zeuge gegen XY aussagen wegen verwendens verfassungsfeindlicher Symbole.

XY? Nie gehört. Und was habe ich damit zu tun?

Naja, irgendwann habe ich schon Leute angezeigt, weil sie im Netz mit sowas rumhantierten. Aber wann? Keine Ahnung. Meine dämlichen kognitiven Störungen. Die dämliche Vergesslichkeit.

Natürlich musste ich Screenshots mitgeschickt haben. Auf meinem aktuellen Notebook sind aber keine. Also war das auf dem alten, welches unsanft entschlafen ist. Also weiterhin: keine Erinnerung.Ich würde also nach Kassel fahren und sagen müssen: tut mir leid, ich habs vergessen. Großartig. Zumal Kassel von Münster aus nicht eben gut erreichbar ist. Ich musste um spätestens 6:30 Uhr fahren, um rechtzeitig*2 anzukommen.
Das ist allerdings zu bewältigen.

Schlimmer war, dass ich in den letzten Tagen mehr als nervös wurde. Ein Neonazi- der hat bestimmt ein paar Kumpels, die mich verhauen werden danach! Ziemlich viele Menschen sprachen mir zwar Mut zu, und eigentlich war mir auch klar, dass ich mich nicht verrückt machen sollte. Nur- bringt das mal der Psyche bei!

So hatte ich die Idee, mir vor der Heimreise noch im sicheren Gerichtsgebäude ein Taxi zu bestellen und bei eintreffen fluchtartig hineinzuspringen. Außerdem zog ich mir sicherheitshalber statt der für mich auch im Winter typischen Sandalen meine Springerstiefel an. Nachdem ich so gut wie möglich den Acker von Wacken entfernt hatte natürlich. Mit Sandalen zu rennen ist sehr schlecht. Und möglicherweise bestünde ja die Gefahr, jemandem vor das Schienbein treten zu müssen- das ist mit Stahlkappe natürlich auch effektiver!

Das Gericht zu erreichen und hineinzukommen war kein Problem. Die filzenden Beamten lachten sich kaputt, was ich alles in meinen vielen Hosentaschen verstaut hatte.

Prozessbeginn: Alle rein. Als Zeugin außer mir noch eine Dame von der Kriminalpolizei (wie eindrucksvoll!).

Und der Angeklagte.

Der vermeintliche Neonazi war ein geradezu bedauernswertes Würstchen*3. Er war groß, noch fetter und schwabbeliger als ich und hatte am Kopf rechts und links rasiert. Der breite Streifen Haare in der Mitte mündete in eine Art Pferdeschwanz. Der Versuch eines Vollbartes verdeckte sein Milchgesicht nur unzureichend, welches einen ängstlich-weinerlichen Ausdruck hatte. Eine rote Steppjacke, eine graue Jogginghose und Badeschlappen. Die Fußnägel waren lackiert, die Finger mit ziemlich langen, ziemlich bunten Acrylkrallen gekrönt. An der Seite trug er einen Stoffbeutel, verziert mit mehreren Sicherheitsnadeln.

Gefährlich sah er nun wirklich nicht aus, eher jämmerlich.

Unsere Anwesenheit wurde festgestellt. Dann wieder raus und warten. Warten. Warten.

Bis ich reingerufen wurde.

Abrechnungsschein vom Gericht.Ich wurde nicht mehr gebraucht. Er hatte alles zugegeben. Ich musste niemandem erklären, dass ich eigentlich gar nicht wusste, worum es wirklich ging. Das Ende der Verhandlung samt Urteil wartete ich nicht mehr ab.

Ich erhielt einen Schein für die Gerichtskasse, die mir meine gesamten Kosten in bar erstattete - Reisekosten, verdienstausfall und so. Über 150 Euro.

Ich konnte sehr viel früher nach Hause aufbrechen als ich geplant hatte.

Ach ja: Kumpels hatte er keine dabei.

Verzapft am 20. Oktober 2016, so um 16 Uhr 19

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