Ulf. Mehr oder minder täglich Privatkram.

Der sowjetische Umerziehungslager-Chor.

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Vor etlichen Jahren waren es ja Inkas oder Atzteken. Als wäre irgendwie an der Universität von Santiago de Chile ein Klon-Experimant aus dem Ruder gelaufen gab es unendlich viele von diesen gleich aussehenden Typen in seltsamen Jutesäcken und grausam bunten Ponchos. Sie hatten sich offenbar zu Gruppen zusammengeschlossen, in welchen sie mangels irgendwelcher Talente Musik zu machen beschlossen. Dies ging den Chilenen irgendwann derbe auf die Nüsse, und deshalb machten sie es wie in dem Film „Leningrad Cowboys Go America“: Sie sagten den Klonen, auf der anderen Seite des Ozeans, in Deutschland, da fressen sie jeden Mist! - So wanderten die Ponchoträger nach Deutschland aus, und lange Zeit war in jeder Fußgängerzone Deutschlands mindestens ein Haufen dieser Typen unterwegs, der „El Condor Pasa“ in der Sechs-Stunden-Ultra-Extended-Version darbot. Jedenfalls hörte es sich so an, als sei es immer das gleiche Lied, das einzige, was sie draufhatten.

Irgendwann waren sie fort. Heute bemerke ich im Winter ein ähnliches Phänomen, je kälter, desto intensiver: Russen. Je mehr Schnee fällt, desto mehr von ihnen bevölkern den Prinzipalmarkt. Singend, oder wie man das nennen soll, auch in Begleitung mit Akkordeon oder diesen komischen dreieckigen Gitarren. Die Jahreszeit suggeriert, es seien Weihnachtslieder, doch: Ich vermute, daß dies ehemalige kommunistische Lagerkommandanten aus Sibirien sind, die in Begleitung ihrer Unterkommandanten aus der nicht mehr vorhandenen Sowjetunion mangels weiterer Erwünschtheit nach deren Auflösung ausgewandert wurden und nun stalinistische Umerziehungslieder trällern. Die versteht hier nur keiner, weil hier, anders als in der Ostzone der ehemaligen DDR den fünf neuen Ländern vor zwanzig Jahren, nicht Russisch die erste Fremdsprache war. Und sie ziehen wie die Zugvögel dem vertrauten sibirischen Schnee hinterher.

Ich werde sehen, was danach kommt. Vielleicht kommen schon bald bewaffnet mit Didgeridoos Julian Assange und seine Kumpels von Wikileaks und beglücken die Fußgängerzonen halbnackt mit dem lieblichen Klang furzender Koalas. Oder aber Horden US-amerikanischer Diplomaten, Militärs und Geheimdienstler, die uns dann einige Zeit mit Hillbilliemusik piesacken. Denn die Sprache der Musik ist international. Und wir nehmen sie alle.

Verzapft am 23. Dezember 2010, so um 17 Uhr 01

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Kommentare

Was sagt Ly dazu?

23. Dezember 2010 um 19 Uhr 23 (Permalink)

Wir haben das Phenomen seit Jahren, Winter wie Sommer, da gerne dann zur Unterhaltung der Gäste die bei Gastro draussen sitzen, es gibt mittlerweile auch Geiger und Klarinette.
Es sind nicht nur Russen, ich dacht eher Rumänen, die auf die Instrumente gedrillt werden von bösen Buben die Reichtum versprechen und nach Schichtende können sie ihr Geld ebenso abgeben wie die erbarmungswürdigen knieenden Gestalten mit dem Becher in der Hand allerorten.

Eigenen Senf dazugeben?

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