Ulf. Mehr oder minder täglich Privatkram.

Therapieresistent?

Kategorie: Held der Arbeit

Ich habe viele Menschen an Leberzirrhose sterben sehen. Ein wirklich schöner Tod ist das nicht. Wenn man Glück hat, trübt man durch den nicht mehr entgifteten Ammoniak ein und fällt vorm Exitus erstmal ins Leberkoma. Wenn man Pech hat, verblutet man aus Krampfadern in der Speiseröhre, die sich bilden, weil das Venengeflecht dort nicht für den Druck ausgelegt ist, der entsteht, weil sich das Blut, welches nicht mehr durch die vernarbte Leber kann, einen anderen Weg suchen muß. Und der gewaltige Wasserbauch ist auch nicht eben angenehm.

Herr O., pikanterweise ein ehemaliger Lehrer von jemandem, den ich gut kenne, hatte sich dieses wichtige Organ kaputtgetrunken. Er traf bei uns ein mit über vier Promille im Blut und mußte sehr bald auf die Intensivstation, da er ins Delirium fiel, trotz aller Gegenmaßnahmen. Als er wieder zu uns kam, offenbarte sich das Elend. Der gebildete und freundliche Herr Mitte fuffzich, der er war, war Pflegefall. Er sah gruselig aus. Gelb, darunter leichenblaß, seit langem nicht rasiert und seine fettigen Hare waren völlig verstrubbelt. Er war fast zu schwach, um die Arme zu heben. Verkabelt mit Blasendauerkatheter, Infusionen, Infusionspumpe.

Ich ging hinein, um ihn zu waschen, im Bett, mehr war eigentlich nicht drin.

Ob ich ihm die Haare waschen könnte. -kein Problem.
Ach, am liebsten würde er ja mal wieder duschen, aber das ginge ja nicht.

Geht nicht, gibts nicht. Nicht bei mir.
Er war danach total fertig. Aber glücklich.

Ich habe schon kompliziertere Vorhaben realisiert.

Aber wirklich besser ging es ihm nicht.

Wir taten alle alles, was man so tut. Lactulose und L-Ornithin-Aspartat (welches früher aus Hühnerkacke gewonnen wurde) gegen den Ammoniak. Ausschwemmen. Es wurde nicht besser. Irgendwann wurde er auf die Kurzzeitpflege und dann in ein Altenheim und damit in hausärztliche Betreuung ohne Intensivversorgung gegeben.Er würde Weihnachten nicht lange überleben.

Ein paar Wochen später erzählte mir unser Seelsorger, daß er wieder am Rollator herumläuft und ziemlich fidel ist, seit NICHTS mehr gemacht wird.
Er lebt heute noch.

Verzapft am 28. April 2009, so um 06 Uhr 44

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Kommentare

Was sagt psychoMUELL dazu?

28. April 2009 um 08 Uhr 27 (Permalink)

wow, das ist einfach nur schön!

Was sagt Ulf, der Größte, dazu?

Kommentar vom Scheff hier am 28. April 2009 um 08 Uhr 43 (Permalink)

Ja, in der Tat. Und derartige Erlebnisse kommen immer wieder vor. Totgesagte leben länger.

Ich liebe meinen Beruf. Denn es gibt auch angenehme Überraschungen.

Was sagt oldman dazu?

28. April 2009 um 11 Uhr 24 (Permalink)

Ein Kollege wurde seinerzeit nach abgebrochenen Leberkrebs-Therapien zum Sterben nach Hause entlassen.
Nach vier Wochen fragte das Krankenhaus bei seiner Familie nach Papieren für eine Abschlussrechnung.(PKV)
Er brachte sie mopsfidel selbst vorbei und ackerte noch viele Jahre in seinem Gärtchen.

Was sagt Diane dazu?

29. April 2009 um 00 Uhr 29 (Permalink)

Leberzirrhose ist ein schreckliches Leiden. Und der Tod bzw. das Versterben daran kann grausam sein. - Wenn die Leber allerdings tatsächlich kaputt ist und aus funktions untüchtigem Bindegewebe besteht oder bereits geschrumpft ist, kann sie ihre Aufgaben nicht mehr erfüllen. Da ist der Tod nur eine Frage der Zeit, auf jeden Fall aber kein angenehmes Leben in den restlichen Monaten oder Jahren, die noch verbleiben.

Bei einem punktuellen Leberkrebs dagegen gab es schon mal "Wunder" - wenn der nicht sehr gross war und das übrige Gewebe nicht betroffen.

Von diesen ganzen Therapien, ausser Ernährung und Natur, halte ich auch nichts - das ist alles nur Quälerei. Die Leute wissen oft nicht, was sie dabei erwartet. Genauso wie diese multiplen OPs, wo man bald alles ausräumt, wenn Pankreas und benachbarte Organe beschädigt sind. Wie es hinterher geht, danach wird vorher nicht gefragt ...

Eigenen Senf dazugeben?

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