Ulf. Mehr oder minder täglich Privatkram.

Nicht alles ist sichtbar.

Kategorie: Literarisch

Du steigst hastig in den überfüllten Bus und rempelst dabei versehentlich jemanden an. Du ärgerst Dich über die unangemessen heftige Reaktion der jungen Frau, deren kleine Tochter vorgestern nach monatelager vergeblicher Therapie gestorben ist und über den Kerl, der sich nicht entschuldigt, obwohl er sich mit seinem stattlichen Gewicht auf Deinen Fuß gestellt hat. Er ist vollauf damit beschäftigt, eine aufkommende Panikattacke zu bändigen. Das Mädchen dort hinten scheint eine schlechte Note geschrieben zu haben. Depressionen können bereits im Kindesalter beginnen. Sie fährt stadtauswärts. Morgen wird es in der Zeitung stehen, und die Menschen werden sich das Maul zerreißen darüber, wie sie das nur dem Lokführer antun konnte, der darunter sein Leben lang leiden wird, und den Fahrgästen, die nun dicke Verspätung bekamen.

Ein freundlicher Zehnjähriger bietet Dir seinen Sitzplatz an. Du schwankst zwischen sehe ich so alt aus und Begeisterung über die gute Erziehung. Er, sein Vater und seine kleine Schwester müssen ohnehin beim Krankenhaus aussteigen, denn sie wollen wie jeden Tag die Mutter nach ihrem Unfall auf der Intensivstation besuchen. Heute wird es das letze Mal sein. Das weiß er zwar nicht, doch er weiß, es sieht nicht gut aus. Jedenfalls ist er wesentlich artiger als diese rotzfreche pubertierende Göre mit ihren ordinären Sprüchen, die seit Jahren sexuell missbraucht wird. Zusammen mit einem etwas müffelig riechenden Greis, der seit Jahren schon trotz seiner fast neunzig Jahre seine alzheimerkranke Frau zu Hause pflegt, mit der er über sechzig Jahre verheiratet ist, steigst Du aus.

Du suchst Deinen Arzt auf wegen Deiner Kopfschmerzen. Migräne, denkst Du. Da muss man etwas machen. Bald wirst Du zusammen mit Neurochirurgen und Onkologen über die Behandlungsmöglichkeiten Deines ziemlich aggressiven und ungünstig gelegenen Hirntumors sprechen, auch wenn Du noch gar nicht recht begreifen kannst. Die Diagnose als solche wird Dein Verhalten stark beeinflussen, noch ehe es der eigentliche Tumor tut. Man wird sich fragen, weshalb Du so traurig guckst oder warum Du so wütend bist und ungeduldig. Oder sich einfach nur über Dich ärgern, weil man sich nicht fragt, warum Du so bist.

Nicht alles ist sichtbar. Du weißt nicht immer, ob etwas nicht ganz anders ist, als Du glaubst.

Verzapft am 06. August 2013, so um 10 Uhr 00

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Kommentare

Was sagt Mel dazu?

20. September 2013 um 15 Uhr 59 (Permalink)

Vielen dank dafür, dass Du mich so einfühlsam in den Spiegel schauen lässt.

Was sagt Kitschautorin dazu?

26. Oktober 2013 um 21 Uhr 39 (Permalink)

Besser hätte ich es nicht ausdrücken können.

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