Ulf. Mehr oder minder täglich Privatkram.

Der Tag geht. Der Geist auch.

Kategorie: Held der Arbeit

Zwar war sie Mitte sechzig, aber sie hätte locker für zehn Jahre jünger durchgehen können. Jugendlich, adrett, dynamisch. Und etwas unkonzentriert, vergeßlich, fahrig. Deshalb war sie in Begleitung ihres Mannes zu uns gekommen, dem dies aufgefallen war, während sie selbst meinte, das funktioniere alles nicht so gut, weil ihr ungeduldiger Gatte sie konfus mache.

Nun kam sie heraus aus dem Arztzimmer mit ihrem Mann. Sie waren gerade darüber aufgeklärt worden: Alzheimer.

"Nun ist es amtlich, ich bin balla-balla!", grinste sie ein wenig gezwungen. "Für mich ist das ja nicht so schlimm, ich weiß ja eh bald nichts mehr. Aber für meinen Mann und meine Tochter wird es schlimm sein." Sie verschwand auf ihr Zimmer und ich hatte Feierabend. Am kommenden Morgen würde ich mich ihr etwas gründlicher annehmen.

Sie sprach mich sogar von sich aus an. Die Verzweiflung machte sich bemerkbar. Denn bislang war sie durchaus noch bei Verstand. Hatte auch den Haushalt besorgt, aber ihr war schon aufgefallen, daß sie das Bezahlen beim Einkauf nicht mehr so hinbekam. Außerdem fühlte sie sich irgendwie schuldig. Hätte ich, könnte ich, wäre nicht.

"Nein, sie sind nicht schuld daran. Sie haben sich diesen Scheiß nicht ausgesucht. Alzheimer bekommen sie jetzt einfach so. Sie können nichts dafür. Und mit Absicht machen sie das schon gar nichts. Schuld haben sie wirklich nicht daran."

Was sie tun könne? Naja, Hirn trainieren, damit es möglichst lange möglichst leistungsfähig bleibt. Lesen täte sie ja viel. Gedächnistraining, Förderung, tapfer sein und nicht verzweifeln.

"Noch können Sie das meiste sehr gut und sie sind bei Verstand. Wissen Sie, was gestern ist, ist vorbei, dat kann man nicht mehr ändern. Was sein wird, wissen wir nicht. Leben sie jetzt und genießen Sie jetzt, daß Sie noch so fit sind."
"Ja, Sie haben recht...", sprach sie und trocknete ihre Tränen.

Verzapft am 18. September 2010, so um 09 Uhr 21

« Voriger Artikel
Nächster Artikel»

Kommentare

Was sagt Big Al dazu?

28. September 2010 um 18 Uhr 43 (Permalink)

Scheiß-Krankheit.
Habe es bei einem Nachbarn erlebt. Bis zum Ende.
Bin mehr als einmal mit auf der Suche nach ihm unterwegs gewesen, da war es noch nicht diagnostiziert. Die heute als Alzheimerzeichen bekannte Unruhe und das Weglaufen kamen sehr früh, so im Rückblick gesehen.
Braucht keiner.
Wirklich nicht.
B. A.

Eigenen Senf dazugeben?

Es hilft, sich einen Account anzulegen und sich anständig zu betragen. Dann kannste auch kommentieren.

Kommentare können hier nur von Mitgliedern abgegeben werden