Ulf. Mehr oder minder täglich Privatkram.

Werden, Sein, Vergehen

Kategorie: Held der Arbeit

Krankenschwestern wischen Ärsche ab, tragen Urinflaschen hin und her, und ansonsten trinken sie Kaffee.

Nein!
Dieses Klischee ist zwar immer noch weit verbreitet. Dies macht es aber nicht richtiger.

Gestern abend teilte mir unsere Auszubildende mit, Frau X habe den Wunsch zu sterben geäußert.
Der Leidensweg von Frau X begann vor einem Jahr, als man bei ihr ein Pankreaskopfkarzinom (Bauchspeicheldrüsenkrebs) feststellte. In der Regel, wie auch hier, ist das ein Todesurteil.

Als ich heute Vormittag genug Zeit und Ruhe hatte, ging ich zu ihr.

"Tach, Frau X., wie ist die Lage?"
"Danke, recht gut. Ich habe keine Schmerzen mehr, und heute mußte ich auch noch nicht brechen!"
"Prima! Und sonst? Ich habe gehört, sie wollen nicht mehr, sie möchten bald gehen?"

Sie begann zu weinen. Ja, sie habe nun keine Kraft mehr, zu kämpfen, erst die Diagnose, dann die ganzen Chemos, die Übelkeit, das Erbrechen, die Schmerzen, sie ja Gottseidank jetzt erfolgreich behandelt wären... Sie sei jetzt dreiundsiebzig, sie habe ihr Leben gelebt. Irgendwann werde man nunmal geboren, und irgendwann müsse man nunmal sterben. Ihre Tochter habe ihre Offenheit sehr begrüßt und unterstützt, aber ihr Sohn und ihr Mann kämen damit gar nicht zurecht. Er sage immer, Du kannst mich doch nicht alleine lassen!

"Soll ich denn mal mit ihrem Mann sprechen? Wenn ich ihn heute nicht mehr sehe, dann morgen?"

Ja, bitte. Sie sei neulich noch in Lourdes gewesen mit ihrem Sohn, das sei ihr größter Wunsch gewesen, und nun wolle sie einfach nicht mehr. Sie hoffe nur, nicht leiden zu müssen.

"Ich glaube, das bekommen sie wohl hin. Ihre Schmerzen haben wir ja gut eingestellt bekommen, so daß Sie schmerzfrei sind. An der Übelkeit muß noch gearbeitet werden, da bin ich aber zuversichtlich. Und wenn es soweit ist- da Sie sich nun nicht mehr krampfhaft an Ihr Leben klammern, wird es leichter für sie werden, zu gehen. Weil der Abschied leichter ist, weil es dann erfahrungsgemäß auch weniger lange dauert dann und außerdem nicht so qualvoll ist, wenn Sie sich nicht gegen das Sterben sträuben."
"Wie lange dauert es denn noch, bis ich sterben darf?"
"DAS weiß ich nicht. Das kann Ihnen kein Mensch sagen. Das liegt auch nicht in unserer Hand. Ihr Zustand jetzt ist nicht sooooo schlecht, das kann also durchaus noch ein paar Wochen dauern. Aber oft gehts auch ziemlich schnell, daß sie abbauen. Das wird sich zeigen. Aber keine Eile damit, wenn Sie in Ruhe und Frieden sterben möchten, dann ist Eile und Ungeduld nicht gut."
"Und alle sagen immer, ich soll essen, essen, essen. Damit ich zu Kräften komme. Ich mag aber nicht, ich habe keinen Appetit. Und Hunger schon gar nicht. Und außerdem kommts sonst alles wieder oben raus!"
"Essen Sie nur das, was sie mögen und soviel, wie Sie möchten. Essen sollte keine Qual sein, für Sie schon gar nicht. Außerdem ist Ihre Zeit absehbar begrenzt jetzt, da sollte auch eine Mangelernährung kein echtes Problem mehr sein."

Das Gespräch ging noch viel, viel länger. Ich fuhr sie dann noch mit dem Rollstuhl ein wenig durch die Klinik und zeigte ihr die Stätten meines Wirkens. Dann schob ich sie noch in die Klinikkapelle, da sie sehr gläubig ist. Dort betete sie eine Weile.
Und zurück auf ihrem Zimmer wirkte sie viel entspannter.

Das ist auch Pflege.

Verzapft am 06. Juni 2009, so um 14 Uhr 38

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Kommentare

Was sagt Krokofantilein dazu?

06. Juni 2009 um 14 Uhr 54 (Permalink)

eine wunderschöne Einsicht, in die Pflege..
und Deine Reaktion, dieser Frau gegenüber:
Sehr liebevoll, und einfühlsam smile
Du hast ihr damit ganz bestimmt geholfen...
ich wünsche ihr, dass sie bald "gehen" kann...
:-*

Was sagt Krokofantilein dazu?

06. Juni 2009 um 14 Uhr 55 (Permalink)

*noch was vergessen habe*
Das zeigt, dass Krankenpflege viel, viel mehr ist, als nur arschabwischen, und essen zu verteilen...

Was sagt dutu dazu?

06. Juni 2009 um 20 Uhr 34 (Permalink)

wohl der / dem krankenpleger / schwester der dafür heutzutage noch zeit findet

meistens hört man doch das das personal immer nur im stress ist

bin froh das du für sowas zeit hast ulf

Was sagt psychoMUELL dazu?

07. Juni 2009 um 07 Uhr 47 (Permalink)

das liest sich gut, dass du dir dafür noch so viel zeit nehmen kannst.

Was sagt Nebelkrähe dazu?

07. Juni 2009 um 15 Uhr 14 (Permalink)

das müsste es viel öfter geben!
ich denke, sterbenskranke wollen (ausnahmen wirds geben) ehrlichkeit und ein bejahen anstatt verleugnen des todes und sie wünschen ein offenes gespräch über ihr absehbares ende.
krähe

Was sagt pilvi dazu?

08. Juni 2009 um 13 Uhr 17 (Permalink)

Vielen herzlichen Dank für diesen einfühlsamen Einblick in Deinen beruflichen Alltag!
Es ist so schön zu lesen, dass eine solche Behandlung, in der heutigen Zeit, noch möglich ist!
Oftmals haben die Pfleger/innen kaum mehr Zeit um auch nur ein paar Worte mit den Patienten zu wechseln!

Mach weiter so, lieber Ulf!

Was sagt Rose dazu?

10. Juni 2009 um 20 Uhr 19 (Permalink)

Mein Onkel hat vor drei Jahren Bauchspeicheldrüsenkrebs gehabt und lebt immernoch. Ist also nicht unbedingt ein "Todesurteil".
Zovirax werdet ihr in der Klinik sicher auch bei Chemo-Übelkeit geben, denke ich mal. Oder es gibt inzwischen schon bessere Nachfolgemedikamente.

Was sagt Ulf, der Größte, dazu?

Kommentar vom Scheff hier am 10. Juni 2009 um 22 Uhr 35 (Permalink)

@Rose: Ich schrieb IN DER REGEL ein Todesurteil. Und Zovirax ist gegen Herpes, ich nehme an, Du meinst Zofran? Zofran, Anemet, Kevatril- alle Setrone sind ziemlich gut.

Was sagt Rose dazu?

11. Juni 2009 um 11 Uhr 36 (Permalink)

Ja, Zofran meinte ich. Bin verkommen. Sorry

Was sagt Ulf, der Größte, dazu?

Kommentar vom Scheff hier am 11. Juni 2009 um 14 Uhr 29 (Permalink)

Die 5-HT3-Rezeptorenblocker sind ziemlich gut. Aber immer helfen sie auch nicht. Jeder Einzelfall braucht das für ihn zugeschnittene Medikament- oder die entsprechende Mischung.

Eigenen Senf dazugeben?

Es hilft, sich einen Account anzulegen und sich anständig zu betragen. Dann kannste auch kommentieren.

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