Ulf. Mehr oder minder täglich Privatkram.

Schwindsüchtig

Kategorie: Verdingt

Ein Herr, Ende sechzig und somalischer Herkunft, hatte von seinem derzeitigen Domizil in London seinen Sohn in Münster besucht, als er zunehmende Bauchschmerzen bekam und bei uns landete. Wir steckten Endoskope in alle möglichen Körperöffnungen- NICHTS. Stelten ihn immer weiter auf den Kopf. HIV-Diagnostik, Hepatitisdiagnostik, Tuberkulosediagnostik-

TUBERKULOSE!

Da Tbc eher selten ist in der Gastroenterologie, waren wir lange verschont geblieben davon. Der arme Mann, der kein Deutsch sprach, mußte erstmal isoliert werden und das erklärt bekommen. Ich bin derjenige von uns, der noch am wenigsten schlecht englisch spricht, aber Medical English beherrsche ich auch nicht. Und er auch nicht. Zum Glück konnte seine hier ansässige Familie etwas übersetzen.
Ich war fortan oft für ihn zuständig, da ich mich einigermaßen mit ihm unterhalten konnte.

Die Isolationsmaßnahmen konnten glücklicherweise bald reduziert werden. Er hatte keine Offene Tuberkulose, die ansteckend gewesen wäre, sondern eine Peritoneal-Tbc, also im Bauchfell, und das hustet für gewöhnlich nicht und ist von daher weniger ansteckend

Problematisch allerdings wurde dann die Therapie.

1995 waren wir von der Krankenpflegeschule aus in Wien, wo wir unter anderem das pulmologische Zentrum besuchten. Dort erfuhren wir damals, daß resistente Stämme von Tuberkelbakterien im Kommen seien. Nun denn, so machte man da wieder Liegekuren wie in Thomas Manns Zauberberg.

Er bekam zunächst eine wirksame Therapie, und zwar in Form einer gewaltigen Menge riesenroßer Tabletten.
Wirksame Therapie, naja, alles ist relativ. Sie war nicht wirksam, denn er kotzte alle Pillekes ziemlich schnell wieder aus. WIr wandten uns an Spezialisten. Und dann wurde er auf Streptomycin intramuskulär umgestellt. Ausgezeichnet, meine Auszubildende hatte damit die selten gewordene Gelegenheit, genau das zu lernen. Wobei mich wunderte, daß der Herr, der eigentlich ziemlich schamhaft war, Moslem auch und ein nicht besonders emanzipiertes Frauenbild hatte, sie an seinen Hintern ließ. Zumal ich ihn selbstverständlich fairerweise informiert hatte, daß er jetzt zu Unterrichtszwecken gebraucht würde. Aber er tolerierte das recht gut, und sie tat ihm auch kein bißken weh, sie hatte Talent.

Das einzige, was ich als etwas lästig empfand, war, daß er eine Zeitlang, nachdem ich ihn mal gefragt hatte, zu welchen Zeiten er beten würde, damit wir da nicht immer reinplatzen und ihn dabei stören, damit wir seine Religionsausübung respektieren können, versuchte, mich zum Islam zu bekehren.

Die Tbc ist eine Krankheit der Armen. Deshalb besteht wohl wenig Interesse, diese Krankheit intensiver zu erforschen. Ist wohl nicht lukrativ genug.

Verzapft am 06. April 2009, so um 06 Uhr 03

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Kommentare

Was sagt Ly dazu?

06. April 2009 um 09 Uhr 38 (Permalink)

als ich dazumal den Beruf der Kinderpflegerin lernte, musste ich vor erstem Arbeitseinsatz im Kindergarten zu einer Untersuchung ins Gesundheitsamt. Es wurde auch auf TBC getestet, mittels kleiner Nadelstiche am Arm. Wenn sich keine Rötung, welche auf TBC-Antikörper hinweisen, an der Stelle zeige innerhalb ein paar Tagen sei alles ok, ein paar Tage später wurde nachgeschaut, es war nix.

Ein Jahr später wurde die Untersuchung wiederholt. Damals, in den 80ern wars, musste man das jährlich machen. Und diesmal war das Ergebnis ein anderes, an der genadelten Hautstelle zeigten sich ganz klar Rötungen. Dann wurde die Lunge per Röntgenbild gecheckt, alles OK.

Ich musste also innerhalb des Jahreszeitraumes mit TBC in Berührung gekommen sein, der Körper habe Antikörper ausgebildet, und abgewehrt.
Dies sei nicht ungewöhnlich, sagte man mir, aber ich war dennoch ziemlich überrascht.

Moslem: ich kenne einen Türken, welcher auch schon Therapien machte, sich alles reinzieht was es über das Ich und Freud und überhaupt zu lesen gibt, welcher Atheist ist. Sehr ungewöhnlich. In die Heimat fährt er nicht mehr.

Was sagt Ulf, der Größte, dazu?

Kommentar vom Scheff hier am 06. April 2009 um 09 Uhr 55 (Permalink)

Mich hat man noch gegen Tbc geimpft. Heute macht man das nicht mehr. Nicht deswegen, weil man das wegen der Tuberkulose Zurückdrängung in Deutschland als unnötig erachtet, sondern weil die Wirksamkeit sehr umstritten ist.

Mein Tine-Test ist auch negativ, trotz Impfung.

Was sagt chefarzt dazu?

06. April 2009 um 20 Uhr 22 (Permalink)

Möglicherweise gibts doch nen durchbruch bei der tbc-therapie.

http://www.dzkfblog.de/2009/03/24/voellig-neuer-wirkstoff-gegen-tuberkulose-entwickelt/

Was sagt K.Wagner dazu?

27. April 2009 um 19 Uhr 53 (Permalink)

ich wurde auch noch geimpft, im Osten damals 64 und mein ältestr sohn, der 89 geboren ist auch noch.
Jedesmal wenn wir beide getestet werden, will uns - in Unkenntnis unseres Impfpasses - jeder immer einen kontakt mit TBC anhängen.
Wir haben beide Antikörper und ich ärgere mich, daß ich 95 bei der Geburt meiner Tochter im sonnigen Westen nicht daraufhingewiesen wurde, daß wenn - die Impfung in den ersten 6 Tagen nach der Geburt erfolgen muß. Meinen Sohn und mich hat die Impfung jedenfalls bisher geschützt. ...und ich halte sie deshalb bei Zunahme der Ansteckungsgefahr für sinnvoll. Andere Imfpungen werden trotz höherem Risikos in Deutschland auch zur Pflicht gemacht.

Eigenen Senf dazugeben?

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