Ulf. Mehr oder minder täglich Privatkram.

Die Gitarre und ich.

Kategorie: Hausmusik

Ich hatte ja mal mit etwa zehn, elf Jahren versucht, Klavier spielen zu lernen. Der Unterricht war auch qualifiziert, nur sein Beginn immer unberechenbar, weil die russische Klavierlehrerin manchmal gar Stunden zu spät kam. Mal terrorisierte sie ihr Exmann, meist aber ihr altersschwaches Auto, welches mit Leukoplast zusammengehalten wurde und erst nach vielen Streicheleinheiten ansprang. Man durfte aber nicht vergessen, alle halbe Stunde Kühlwasser nachzufüllen.

Meine Mutter sagt heute, ich sei gar nicht schlecht gewesen, aber irgendwie träumte ich, nachdem ich die Beatles für mich entdeckt hatte, eher von einer Gitarre.

1986 lieh ich mir eine von meinen zahlreichen Schwestern und ließ mir von einem derer Freunde die ersten Akkorde zeigen. Nach meiner Konfirmation erwarb ich meine erste eigene Gitarre und wurde natürlich von meinen Eltern auf die Musikschule geschickt, daß ich das auch richtig lerne. Mein Gitarrenlehrer war begeistert: endlich einer, der Rockmusik machen wollte, wo er doch für Klassik zuständig war. Wir einigten uns dann auf Jazz und Blues. Da ich nicht besonders musikalisch bin, war das Ergebnis zunächst bedauernswert.

Ich weiß nicht mehr, mit welch hinterhältigem Trick er mich umgepolt hatte, doch auf einmal stürzte ich mich auf klassische Gitarrenmusik wie blöde. Ich übte stundenlang, investierte Unsummen, für die mich meine Mitschüler für bekloppt erklärten, in immer bessere Instrumente und bezahle für einen Satz Saiten fast mehr als andere für eine Gitarre.

Ich bin nicht wirklich musikalisch, doch ich liebe Musik, und ich kann sehr ausdauernd sein, und innerhalb relativ kurzer Zeit hatte ich Stücke im Repertoire, welche ich einige Monate zuvor noch als für einen Normalbürger unspielbar betrachtet hatte.

Irgendwann baute ich mir ein Ensemble auf für Renaissancemusik, vor allem von John Dowland. Wir waren nicht schlecht, hatten aber teilweise immer weniger Zeit, und irgendwann nahmen wir dann zum Abschluß noch in einer erbärmlich kalten Kirche mit genialer Akustik unser Repertoire auf.

2005 wurde es dann immer schwieriger angesichts der stärker werdenden Depression weiterzuspielen. Bis es ganz versiegte. 2007 versuchte ich noch in der Klapse in Osnabrück, neu zu starten, doch war ich seelisch noch nicht fit genug, den Rückschlag zu kompensieren. Und dann bekam ich irgendwie immer noch den Impuls nicht.

Zu Weihnachten nun wurden meine Qualitäten als Gitarrist gepriesen, und meine älteste Schwester kam auf die raffiniert-hinterhältige wink Idee, sich irgendein von ihr aus auch einfaches Stück zum nächsten Weihnachtsfest zu wünschen. Der Rest der Sippe zog nach.

Der Druck sollte wohl reichen.

Saiten sind genug vorhanden, die Noten muß ich suchen. Vive la Renaissance!

Verzapft am 27. Dezember 2010, so um 11 Uhr 51

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Kommentare

Was sagt Ly dazu?

27. Dezember 2010 um 17 Uhr 03 (Permalink)

sehr cool! oder" gefickt eingeschädelt"!
Apropo Klassik als Übungsmodel für Musik- und Gitarreneinsteiger, dein Lehrer hatte recht, falls er damit argumentierte:
die besten Gitarristen in dem kleinen Musikerumfeld hier bei mir haben auch Klassik drauf, oder gar damit angefangen. Sehr gute Basis, allein schon die Fingerfertigkeit, um darauf aufbauend dann später auch der totale Rockgitarrist zu werden.
Als filmisches Beispiel der Überlegenheit mag Cross-Road dienen, der aber auch den Blues.. die Seele, oder das schwingen der Seele beim musizieren zum Thema hat,
aber auch solche Band wie Deep-Purple, wo die Musiker teils aus der Klassik kamen, wie Jon Lord, genannt sei sein Projekt Sarabande, oder Ritchie Blackmore, der heute Renaisannce Rock macht, mit seiner Combo Blackmores Night, ab vom Gefallen handwerklich bestens!
Gruß, und viel Spass beim üben, ich bin sicher du kommst wieder rein.
Bin etwas neidisch, ich packs nicht, die Gitarre anzufassen, um mehr als Pfadfindergeschrabbel zu machen, dabei bräucht ich genau das um mich selbst beim singen zu begleiten. Singen tu ich auch nicht mehr. Mir ist der Zugang abhanden gekommen. War mind eine Psychose zuviel, die Schwingungsfähigkeit geht über so nen mist verloren, und ich hab kein Schimmer wie das reperabel sein soll. Ist wies ist. wink

Was sagt Big Al dazu?

27. Dezember 2010 um 20 Uhr 21 (Permalink)

DAS kann ich mir jetzt so richtig bildlich vorstellen.
Ulf an der Gitarre, Renaissancemusik spielend.
Respekt!

Was sagt Ma Rode dazu?

27. Dezember 2010 um 22 Uhr 01 (Permalink)

Dazu fällt mir Udo Lindenbergs Klavierlehrerin ein ....
"Am besten war's beim tiefen H
da war's ganz einfach wunderbar
Mit feuchter Hose kam ich dann
zuhaus bei meiner Mutter an.
Sie sprach: »Da gehst mir nicht mehr hin -
zu dieser Klavierlehrerin.« "
surprised )

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