Ulf. Mehr oder minder täglich Privatkram.

Das Loch

Kategorie: Erlebtes

LESEN AUF EIGENE GEFAHR!

1999

Nennen wir sie Frau Hügel. Frau Hügel hatte Darmkrebs und einen künstlichen Darmausgang (Stoma). Sie hatte lange bei den Proktologen gelegen und war schätzungsweise tausendmal operiert worden, und der Darm wurde immer kürzer dabei. Kurzdarmsyndrom. Sie aß Erdbeeren, und kurz darauf kamen sie zum Stoma wieder heraus. Weitestgehend unverändert, nur eben zerkaut.

Also konnte der Darm auch kaum noch Wasser aufnehmen- auch dieses landete im Beutel, der spätestens eine halbe Stnde nach der Mahlzeit geleert werden mußte, sonst wäre er abgeplatzt. Und auch zwischendrin ständig. Trotzdem mußten wir 3-4 Mal täglich den Beutel erneuern.

Außerdem hatte sie nach der letzten OP eine Nahtinsuffizienz, das bedeutet, die Naht ging wieder auf. Nach mehreren vergeblichen Versuchen, sie zu schließen, verlegte man sie mit einem etwa handtellergroßen Loch, unter dem man prima die Darmschlingen bei der Arbeit bewundern konnte, zu uns. Was die Arbeit noch etwas erschwerte: Eine Psychose. Sie mißtraute allen und bezichtigte alle des Diebstahls.
Außer mir. Mir, einem Schüler, einer Praktikantin und V. verstraute sie. Warum auch immer. Wir waren die einzigen, die sie pflegen konnten. Und das war extrem aufwendig. Denn sie bekam über einen Zentralen Venenkatheter (ZVK) mehr als vier Liter Flüssigkeit (den was sie trank, floß ja fast direkt in den Beutel), Antibiotika und was weiß ich noch alles. Ständig mußte einer dorthin, nachsehen, eventuell wechseln. Und immer häufiger war der Beutel hinüber, denn die viele Flüssigkeit weichte alles ab. Und da da noch die ganzen Verdauungsenzyme drin waren, wurde auch die Haut immer mehr angegriffen. Ich ersann immer raffiniertere Methoden, den Beutel zu sichern. Schließlich kam von für sie zuständigen Sanitätshaus der Stomatherapeut hinzu, und wir probierten peu á peu alles aus, was auf dem Markt zu haben war. Ringe, Platten, Pasten, alles einfach. Aber da es immer schlimmer wurde, mußten wir uns ständig neues ausdenken.

Ich weiß nicht, was wir da an Geld verbraten haben.

Irgendwann hatten sich die Verdauungsenzyme bis zum Loch durchgefressen, und Stoma und Loch vereinigten sich. Daß Frau Hügel immer noch lebte war unglaublich. Und sie war, bis sie starb, bei vollem Bewußtsein. Samt therapieresistenter Psychose.

Selbst für so große Löcher gab es noch Beutel, die aber ein Vermögen kosteten. Auch sie lösten sich ständig, bis ich mir ausdachte, ein Absauggerät anzuschließen, das wir normalerweise verwendeten, um die Atemwege freizusaugen. Der Absaugkatheter wurde in der Wunde platziert.
Es funktionierte: Die Beutel hielten länger (bis zu 36 Stunden! REKORD!) und das Loch wuchs zumindest etwas langsamer. Zum Schluß hatte es die Fläche eines DIN-A-4-Blattes und der Darm waberte darin. Wir brauchten nicht mehr alle paar Stunden die Patientin damit zu piesacken, das Bett zu machen.

Ich habe selten so viel Zeit bei einer Patientin verbracht.

Verzapft am 06. Februar 2009, so um 06 Uhr 00

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Kommentare

Was sagt Ines dazu?

06. Februar 2009 um 11 Uhr 04 (Permalink)

Wenn ich deine Beiträge lese, die sich um deine Arbeit drehen, frage ich mich, warum man solche sterbenskranken Menschen eigentlich noch so ewig pflegen muss. Wünschen die sich das? Ich kann mir das kaum vorstellen, ich selbst befürworte eher die Sterbehilfe und würde auch nicht wollen, so noch auf die letzten Tage, Wochen, Monate auf Stationen hinsiechen zu müssen. Erstaunlich, wie du damit umgehen kannst.

Was sagt Ulf, der Größte, dazu?

Kommentar vom Scheff hier am 06. Februar 2009 um 14 Uhr 47 (Permalink)

Die Patientin wollte nicht sterben. Subjektiv ging es ihr gut. Sie hatte weder Schmerzen noch Übelkeit und fühlte sich seltsamerweise recht wohl.

Wie ich damit umgehe... Mir ist es nicht so wichtig, ob ein Mensch wieder gesund wird oder nicht. Wichtig ist für mich, eine Situation zu schaffen, in der der Patient sich wohl und aufgehoben fühlt.

Dahinsiechen... das hatte ich selbst schon. Meine Depression war nicht mehr auszuhalten, ich wollte sterben. Und bin recht froh, überlebt zu haben.

Manchmal sind diese letzten Wochen wertvolle Zeit. Seit wir eine gut funktionierende Schmerztherapie haben, habe ich nie wieder den Wunsch nach aktiver Sterbehilfe gehört. NIE.

Was sagt Ines dazu?

07. Februar 2009 um 09 Uhr 30 (Permalink)

Okay, das kann ich als Aussenstehender ja nicht einschätzen, wie sich ein Mensch in solch einer Situation fühlt. Danke für deine Rückmeldung smile

Was sagt Ulf, der Größte, dazu?

Kommentar vom Scheff hier am 07. Februar 2009 um 09 Uhr 43 (Permalink)

Naja, ich bin ja zwangsläufig dichter dran am Thema. Ich habe eine dreistellige Anzahl Menschen mit in den meist friedvollen Tod begleitet in den letzten 18 Jahren.

Da mittlerweile umgedacht wird und die Palliativmedizin sich entwickelt hat, ist das Leid an sich sehr viel geringer geworden in dieser Zeit. Es quälen sich nur noch sehr, sehr wenige. Es gibt immer noch einiges zu verbessern, aber es ist schon recht gut geworden.

Die Menschen gewinnen zwar nicht an Kraft, aber an Lebensqualität. Und an Zeit, sich auf den Abschied vorzubereiten.

Was sagt Mao-B dazu?

09. Februar 2009 um 01 Uhr 31 (Permalink)

...das lesen ist nicht schlimm. bilder wären.... schlimmer! :-/ es ist immer wieder erstaunlich wie viel der körper mitmachen kann :-| und wenn man sowas liest, ist man plötzlich ganz froh nur ein bisschen neurodermitis zu haben und etwas depressiv zu sein...

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