Eine Umarmung von Freund Hein.
Kategorie: Erlebtes
Bei der Übergabe schon erfuhr ich, daß dies seine letzte Nacht sein würde. Er war ohne Bewußtsein, aber sehr unruhig gewesen und hatte gestreßt geatmet und daher Morphin bekommen. Er war zwar ruhiger dadurch, aber gut war es noch nicht, und so verabreichte ich ihm weitere zehn Milligramm. Das half, er entspannte sich und atmete zwar unzureichend, aber ruhig für die nächsten Stunden. Und wartete offensichtlich auf Freund Hein.
Immer wieder sah ich nach ihm und dem Rechten. Ich denke, kaum etwas ist intimer als die Pflege Sterbender... Lag er mutmaßlich bequem? War da eine Falte im Laken, die ihn drücken hätte können? Irgendwelche Zeichen dafür, daß es ihm schlecht ging?
Ich nahm immer wieder einen kühlen Lappen für seine Stirn und salbte seine spröden Lippen, verrückte seine Arme und Beine um wenige Zentimeter, daß er nicht zu starr liege.
Nach einigen Stunden wurde er ein bißken unruhiger, und ich zog erneut Morphin auf. Doch als ich zu ihm zurückkehrte, sah ich, daß er es nicht mehr brauche würde: Er war wieder ganz ruhig. Er brodelte etwas und schnappte nach Luft, aber das ist etwas, was den Betreffenden nicht mehr quält. Freund Hein war da. Er erschauerte kurz und entspannte sich wieder.
Der Tod hatte ihn sanft in seine Arme genommen und nahm ihn mit auf seinen Weg.
Verzapft am 09. Juli 2010, so um 21 Uhr 22
Kommentare 
Was sagt hajo dazu?
16. Juli 2010 um 13 Uhr 11
danke Ulf, dies war eine einfühlsame Beschreibung und es fällt mir - aus eigenen Erfahrungen - nicht schwer, die Situation vor Augen zu haben.
Leider gibt es eine Menge Menschen, die nicht so "liebevoll" von Charon zu seiner Fähre geleitet wird.
Liebe Grüße
Hajo
Trackbacks:
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- 10. Juli 2010: Ulf. Mehr oder minder täglich Privatkram.
Was mir Freund Hein übrigließ.:
Nun ist er tot, der Mann vor mir im Bett, der vor zehn Tagen noch Fahrrad gefahren war. Die Arme und Beine liegen leicht gespreizt auf Kopfkissen, unter den Achillessehnen gerollte Handtücher. Sein...



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