Ulf. Mehr oder minder täglich Privatkram.

Was mir Freund Hein übrigließ.

Kategorie: Erlebtes

Nun ist er tot, der Mann vor mir im Bett, der vor zehn Tagen noch Fahrrad gefahren war. Die Arme und Beine liegen leicht gespreizt auf Kopfkissen, unter den Achillessehnen gerollte Handtücher. Sein Kopf ist nach rechts geneigt, die Augen halb geöffnet, der Mund ganz. In ihm steigt nun gelblicher, feinblasiger Schaum auf, der ihm zum Mundwinkel herausläuft. Das kommt gelegentlich vor. Darum kümmere ich mich wohl besser später, wenn es aufgehört hat. Erstmal schließe ich die Augen. Danach raus mit den Schläuchen, der Infusion, dem Blasenkatheter. Ich spreche bekanntlich immer noch mit den Toten und erkläre ihm, was ich tue. Vor den Penis lege ich eine Vorlage, man weiß nie, ob da nicht noch etwas nachkommt, und decke ein Handtuch darüber, auch wenn niemand außer mir etwas sieht und dem Verstorbenen dies auch egal sein könnte.

Aus dem Mund kommt nichts neues mehr, so nehme ich mir den Sekretsauger, der neben dem Bett steht, und sauge weg, was wegzusaugen geht, bis in den Rachen hinein. Wische ihm das Gesicht ab und den Mund gründlich aus. Soll ja alles gut aussehen. Nachher gehe ich nochmals mit einem nassen Lappen durchs gesicht. Eine Rasur ist nicht notwendig.

Die Kinnstütze hält irgendwie nicht gut und rutscht immer wieder weg. Ein zweites kleines Kissen unter den Kopf? Ja, das hilft, die Stütze sitzt, der Mund ist zu, und langsam wird der Tote ansehnlicher. Über die Kopfkissen breite ich ein frisches Handtuch. Nicht undekorativ. Die Lagerungskissen jedoch fliegen alle aus dem Bett, jetzt, da sie nicht mehr gebraucht werden, sehen sie irgendwie unschön aus. Das Oberteil ist wie frisch angezogen, also lasse ich es ihm so, wie es ist. Ein kurzer Check: sieht alles gut aus? Sind alle Pflaster weg? Dann breite ich eine leichte Decke über ihn und räume das Zimmer auf. Alles weg: Sekretsauger, Sauerstoff, Infusionen, Müll, mehr Müll, nicht mehr benötigte Wäsche und Pflegeutensilien und so weiter und noch mehr Müll.

Die Angehörigen können kommen. Ich werde bald gehen, wenn meine Nachtschicht vorbei ist.

Verzapft am 10. Juli 2010, so um 16 Uhr 21

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Kommentare

Was sagt zoellner dazu?

10. Juli 2010 um 18 Uhr 01 (Permalink)

Schön geschrieben. Ich könnte das nicht, obwohl ich auch einen sozialen Beruf ausübe. Aber es gibt ja für jedes Berufsfeld Menschen, die sich dafür BERUFen fühlen und das ist auch gut so.
Ein interessanter Einblick in den Alltag eines Pflegers, den man soo vielleicht nicht so oft mitbekommt. Denn wenn die Verwandschaft kommt ist alles so wie es sein soll. Gute Arbeit!

Eigenen Senf dazugeben?

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