Ulf. Mehr oder minder täglich Privatkram.

Keine Lust mehr

Kategorie: Erlebtes

Eigentlich wollte ich die alte Dame gegen 20:00 Uhr nur mal eben umbetten und ein paar nette Worte verlieren. Sie hatte vor 10 Jahren einen Schlaganfall erlitten und war s eitdem zwar geistig klar geblieben, aber linksseitig komplett gelähmt. Ich erzählte, machte ein paar Scherze. Das mache ich oft so zur Kontaktaufnahme, denn ich hatte sie heute erst kennengelernt.

Irgendwann sagte sie dann plötzlich: "Ich bin gespannt, wohin mein Mann mich als nächstes abschiebt..."
Ihr Mann ist auch nicht mehr der jüngste und KANN sie nicht mehr richtig versorgen. Aber sie empfand es so. Und dann: "Am liebsten wäre mir...."

Ich roch den Braten: "Lassen Sie mich raten: Sie haben keine Lust mehr?"

Am liebsten würde sie vom Balkon springen. Oder alle ihre Medikamente auf einmal nehmen. (Können tut sie allerdings weder das eine noch das andere, wegen ihrer Lähmung)

Da war sie ja an den richtigen geraten. Ich konnte ihr in der Tat beistehen. Eine passende Pflegeplanung schreiben und eine Vorstellung entwickeln, wie es nach ihrer Entlassung (für die schweizer LeserInnen: Austritt wink ) weitergehen könnte. Aber es war ein sehr schwieriges Gespräch. Doch ich glaube, wenn ich eines kann, dann sowas. Doch auch wenn es mich nicht psychisch belastet: es ist sehr, sehr anstrengend, solche Gespräche zu führen. Ich mußte danach erstmal maligne Inhalation betreiben, um mich zu sammeln.

Verzapft am 17. Juli 2009, so um 04 Uhr 02

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Kommentare

Was sagt Ines dazu?

17. Juli 2009 um 07 Uhr 06 (Permalink)

Manche Menschen sagen sowas und meinen es nichtmal ernst. Insofern find ich es übertrieben, den Satz - zumindest so wie du ihn wiedergibst - als Selbstmorddrohung hinzustellen.

Meine Mutter sagt auch schon seit (über 10) Jahren, wenn irgendwas so oder so wäre, dann könne sie sich ja gleich nen Strick nehmen. Aber das meint sie nicht ernst, das ist ne Drohung, die andere erschrecken soll. Sie würde das nicht tun.

Das is wie mit dem Ausspruch, dass Hunde die Bellen, nicht Beissen. Wer das wirklich vorhat, der macht es - aber reibt es eben nicht jedem unter die Nase.

Übrigens wusste ich noch nicht, dass Insulin lebensbedrohlich sein kann. Meine Mutter ist seit vierzig Jahren insulinpflichtiger Diabetiker...

Was sagt Ulf, der Größte, dazu?

Kommentar vom Scheff hier am 17. Juli 2009 um 12 Uhr 43 (Permalink)

Ich denke schon, daß ich so eine Situation richtig einschätzen kann. Und das mit dem "Wer es sagt, der macht es nicht" stimmt laut neuerer Studien überhaupt nicht.

Der Tonfall der Patientin, die Mimik, die gesamte Situation waren eindeutig. Ich bin nicht erst seit gestern Pfleger.

Was sagt Krokofantilein dazu?

17. Juli 2009 um 12 Uhr 52 (Permalink)

Ulf hat die Patientin gesehen, er hat mit ihr gesprochen, und ihre Stimme gehört, ihr Gesicht gesehen. Und von daher kann er mit absoluter Sicherheit einschätzen, wie diese Patientin das gemeint hat! Zumal er schon sehr lange als Krankenpfleger arbeitet!!
Und ich würde eine solche Äusserung auf alle Fälle immer ernst nehmen....

Was sagt Claudia dazu?

17. Juli 2009 um 20 Uhr 52 (Permalink)

Hallo Ulf. Schön, dass im Klinikalltag Zeit für solche wichtigen Gespräche und Hilfestellungen bleibt und toll, dass du wohl den richtigen Draht in solchen Situationen hast. Deine Patienten könenn sich glücklich schätzen und wer weiß, vielleicht warst du der Erste, der die alte Dame wirklich mal ernst genommen hat.

Ines: Sehr viele Menschen senden Signale aus, die dann auch ernst gemeint sind, aber eine (letzte?) Hoffnung auf Hilfe darstellen. Wäre schön, wenn man dann nicht weghört ("Hunde die bellen, beißen nicht" wink sondern konkret hilft oder wenigstens mal zuhört und präsent ist. Oder soll man allen Ernstes darauf warten, bis sich nahe Freunde und Angehörige still und leise und heimlich vom Acker gemacht haben, um dann zu sagen, hätte er doch mal was gesagt... ich hatte ja keine Ahnung, dass es ihm sooo schlecht geht... sad

Was sagt Claudia dazu?

17. Juli 2009 um 20 Uhr 55 (Permalink)

Huch, dieser Zwinker-Smiley oben ist aber versehentlich reingekommen. Ist leider ganz und gar nicht zum schmunzeln das Thema.

Was sagt Krokofantilein dazu?

18. Juli 2009 um 13 Uhr 28 (Permalink)

hallo Claudia smile
Super Beitrag, danke Dir, dafür!
Ich kann Dir in allen Punkten nur zustimmen, und recht geben smile
herzlichst
krokofantilein smile

Was sagt Claudia dazu?

18. Juli 2009 um 13 Uhr 51 (Permalink)

Hi Kroko, danke für deine Zustimmung. Bei manchen Meinungen kann ich mich einfach nicht zurückhalten und muss einfach was dazu sagen, sonst würde ich platzen - DAS wäre mal ein Fettfleck wink

Genau wie wenn jemand bei Depressionen sagt "reiß dich einfach mal zusammen" oder "was soll ICH denn da sagen" - kaum, dass der andere es geschafft hat, drei Sätze (maximal!) über seine Schwierigkeiten loszuwerden. Wenn man doch manchmal nur einfach mal zuhören und füreinander da sein würde. Ach ich weiß, ich bin eine hoffnungslose Träumerin.

Was sagt psychoMUELL dazu?

18. Juli 2009 um 15 Uhr 49 (Permalink)

schön, dass es noch Träumerinnen gibt!

"Sehr viele Menschen senden Signale aus, die dann auch ernst gemeint sind, aber eine (letzte?) Hoffnung auf Hilfe darstellen"

Das war sehr gut beschrieben, kann man glaube ich nicht besser machen!

Was sagt Kröte dazu?

18. Juli 2009 um 21 Uhr 48 (Permalink)

Tja, auch ich muss Ines widersprechen, ich werde ja auch ab und zu mit dem Thema konfrontiert und bin erst vor kurzem jemandem begegnet, der gesagt hat, er wolle nicht mehr, er wolle sich das Leben nehmen. Leider konnte man ihm im Landeskrankenhaus anscheinend nicht wirklich helfen. Er wurde nach einiger Zeit entlassen, ging direkt zum Bahnhof und setzte sein Vorhaben in die Tat um.
Ich höre öfter diesen Satz "Wer davon spricht, tut es eh nicht" und es fällt mir immer schwer, ruhig damit umzugehen.

Was sagt Ulf, der Größte, dazu?

Kommentar vom Scheff hier am 18. Juli 2009 um 22 Uhr 31 (Permalink)

Noch als Abschluß an Ines, nachdem eigentlich alles gesagt wurde:

Ja, Insulin kann tödlich sein. Kommt nur auf die Menge an. Wäre mein Vorhaben nicht zufällig von meinem Zimmergenossen, dem das Insulin gehörte, entdeckt worden... ich wäre jetzt schon ziemlich tot. Ich hatte mir seinen gesamten Vorrat auf einmal reingepfeffert, das hätte für mehr als einen Tod gereicht.

Im übrigen werden die meisten Suizide vorher irgendwie angekündigt.

Was sagt Krokofantilein dazu?

19. Juli 2009 um 11 Uhr 19 (Permalink)

@hallo Claudia nicht dafür, denn Du hast mir wie gesagt, sehr aus der Seeele gesprochen! smile
@hallo Kröte ich kann sehr gut verstehen, dass Du bei dem Satz" wer es ankündigt, der tut es nicht" mühe hast, ruhig zu bleiben, denn, mir geht es ebenso.. und ich ärgere mich, über solche Verallgemeinerungen... Denn, KEIN anderer Mensch, kann in den Jenigen reinschauen, der diese Äusserung macht...
Herzlichst,
euer Krokofantilein smile

Was sagt Krokofantilein dazu?

19. Juli 2009 um 11 Uhr 22 (Permalink)

@Hallo, mein Ulf smile
ich habe auch schon von Anderen profesionellen Stellen gehört, dass die Menge Insulin, die Du damals gespritzt hast, absolut tödlich sein kann...
und ausserdem is JEDES Medikament, dass man in einer Überdosis nimmt, tödlich.. warum versuchen sich sonst die Suizidgefährdeten immer mit Medis umzubringen?

Was sagt Ulf, der Größte, dazu?

Kommentar vom Scheff hier am 19. Juli 2009 um 11 Uhr 26 (Permalink)

Meine süße, Du hast so recht....
Das Thema ist extrem brenzlig, und man sollte es niemals auf die leichte Schulter nehmen.

Was sagt Krokofantilein dazu?

19. Juli 2009 um 11 Uhr 28 (Permalink)

Du hast absolut Recht, mein Süsser!!
An meinem Arbeitsort musste ich schon von so manchem Suizid erfahren...
und das tut immer wieder aufs Neue weh, und reisst eine Wunde auf... sad

Eigenen Senf dazugeben?

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